Encouraging

"Was wir am nötigsten brauchen, sind Menschen, die uns ermutigen, das zu tun,  was wirklich in uns steckt." (Epitik, ca.100 n.Chr.)

Encouragement heißt übersetzt Ermutigung. Als Tätigkeitswort: Encouraging.
Als Encouraging-Trainer, einer Ausbildung an der Akademie für Individualpsychologie in Züntersbach (bei Fulda), ist Ermutigung für mich ein zentrales Prinzip im konstruktiven, liebevollen Umgang mit anderen Menschen - aber auch mit sich selbst.

Ermutigung ist ein Schlüsselbegriff der Individualpsychologie nach Dr. Alfred Adler und seinem bedeutensten Schüler Rudolf Dreikurs.

Von Prof. Dreikurs stammt der Ausspruch:
“Das einzige, was Du im Leben brauchst um Dich zu entwickeln und Deine Ziele zu erreichen, ist Mut!”

Im folgenden möchte ich aus den Unterlagen meiner Ausbildung einige Grundlagen der Individualpsychologie sowie der Ermutigung beschreiben:

  • Die Individualpsychologie

wurde von Dr. Alfred Adler (1870-1937) begründet. Adler war der bedeutendste Mitarbeiter von Sigmund Freud in den Jahren 1902 bis 1911. Er verließ den psychoanalytischen Kreis von Freud und stellte das Verständnis vom Wesen des Menschen, der menschlichen Motivation und des menschlichen Verhaltens auf eine andere Grundlage, die er Individualpsychologie nannte. Damit drückte Adler aus, daß der Mensch ganzheitlich (lat. Individuum = das Unteilbare) und nicht als Zusammenstellung einzelner sich widersprechender Teile zu sehen ist.

Der MENSCH ALS GANZES orientiert sich an der äußeren Welt. Er tut dies in einer seinem LEBENSSTIL entsprechenden Art. Mit dem Begriff »Lebensstil« meint Adler eine sich über die ganze Lebenszeit eines Menschen erstreckende, langfristige Ausrichtung. In seinem Lebensstil (= die Art, wie der Mensch sich, die Mitmenschen und das Leben auffaßt und versteht und wie er sich aufgrund dieser Wahrnehmung verhält) drückt der Mensch aus, welches Ziel er sich vordergründig selbst für sein Leben setzt.

Alles rnenschliche Verhalten ist ZIELGERICHTET. Man kann das Verhalten eines Menschen nur dann verstehen, wenn man seine Ziele kennt und versteht. Die Ziele sind subjektiv. Ziele zu haben, setzt Wahlmöglichkeiten und Entscheidungen voraus. Deshalb betont Adler die Selbstbestimmung des Menschen. Die Zukunftsorientiertheit dieser finalen Sichtweise ist Ausdruck des Optimismus der Individualpsychologie, denn Verhalten, das durch Zielsetzungen bestimmt ist, trägt die Möglichkeit einer Veränderung in sich. Man kann Ziele und Absichten ändern.

Ein drittes Grundprinzip neben Ganzheitlichkeit und Zielgerichtetheit ist die Annahme, daß der Mensch vor allem ein SOZIALES WESEN ist. Menschliches Verhalten kann nur in seiner sozialen Bedeutung voll verstanden werden. Die soziale Veranlagung des Menschen erklärt das Grundbedürfnis des Menschen, sich zugehörig zu fühlen. Existentielle und handlungsorientierte Ermutigung ermöglichen dem Menschen, sich zugehörig zu fühlen und mutig zum Wohle der Menschengemeinschaft beizutragen. Die soziale Gleichwertigkeit - nicht Über- oder Unterlegenheit - ist die fortwährende Orientierung und eine der Hauptforderungen der Individualpsychologie.

Weil der Mensch ein soziales Wesen ist, kann er nur innerhalb seiner Gemeinschaft verstanden werden und sich in der Wechselwirkung mit anderen Menschen entwickeln. Ob er sich in einer sozial positiven Richtung oder in einer sozial negativen Richtung entwickelt, hängt davon ab, ob er sich als Teil seiner Gemeinschaft zugehörig fühlt und Selbstvertrauen hat. Wann immer er sich zugehörig fühlt, erlebt er den Zustand sozialer Gleichwertigkeit.

Das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft wird GEMEINSCHAFTSGEFÜHLgenannt. Es bezeichnet nicht nur ein Gefühl für die Gemeinschaft, sondern auch ein Gefühl der Einheit mit der Gemeinschaft. Es ist also mehr als ein Gefühl. Es ist eine Haltung, eine Einstellung. Dazu gehört die Sorge und Anteilnahme an den Belangen der Gemeinschaft und ihres Wohls. Dieser Sinn für die Gemeinschaft ist in jedem Menschen als Veranlagung vorhanden. Der Schlüssel zum Gemeinschaftsgefühl ist die Identifikation mit der Gruppe.

Das GEFÜHL DER ZUGEHÖRIGKEIT im Menschen hängt wohl zum größten Teil ab von dem Respekt, von der Achtung und dem Vertrauen, das er sich selbst, und das andere ihm entgegenbringen. So ist es klar, daß der Grundstein für sozial positives oder sozial negatives Verhalten schon in der frühen Kindheit in der Wechselwirkung mit den Eltern und anderen Erziehern gelegt wird. Wo das Kind ständig kommandiert, kritisiert, mit anderen verglichen (d.h. erniedrigt), bemitleidet und entmutigt wird, kann kein Zugehörigkeitsgefühl, kein Mut, kein Selbstvertrauen und deswegen kein sozial positives Verhalten wachsen.

Einer der größten Förderer der Individualpsychologie war Rudolf Dreikurs (1897-1972), der bedeutendste Schüler Alfred Adlers. Dreikurs machte die Indivdualpsychologie Eltern, Pädagogen, Beratern und Therapeuten zugänglich. 

  • Ermutigung

Der Mensch als soziales Wesen braucht das Gefühl, zugehörig zu sein und gebraucht zu werden, um von innen heraus ein Gefühl der Sicherheit zu entwickeln. Mut, Selbstvertrauen und Optimismus sind die Bausteine.

Existentielle und handlungsorientierte Ermutigung führen zu diesem Ziel, weil Ermutigung das einzige ist, was das natürliche Wachstumspotential im Menschen zur Entwicklung bringen kann. Wenn wir konstruktive Entwicklungsprozesse im einzelnen Menschen, in Gruppen oder in der Gesellschaft vorfinden, so wurden diese durch Ermutigung ausgelöst.

Ermutigung macht Menschen mutiger, weckt Hoffnung, gibt Sicherheit und stärkt den Glauben an die eigenen Möglichkeiten. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Ideen, Absichten, Pläne, Vorschläge, Zielvorgaben und Unterrichtsprogramme richtig sind. Wenn sie auf einen entmutigten »Boden« fallen, sind sie wirkungslos.

Entmutigung raubt uns das Wichtigste, was wir im Leben brauchen, nämlich Mut. Mit Mut sind wir immer kreativ genug, um unsere Aufgaben zu lösen und sinnvolle Kontakte zu anderen Menschen zu knüpfen und zu pflegen.

Ermutigung macht (nach Untersuchungen des Rudolf-Dreikurs-Institutes) den Schwachen stärker, den Kranken gesünder, den Zweifelnden sicherer, den Ängstlichen mutiger, macht Diskussionen konstruktiver, fördert den Frieden in den Familien, am Arbeitsplatz, in der Schule, im Kindergarten und überall, wo Menschen zusammen sind.

Vieles, was wir als Leid oder als Freude erleben, wurde eingeleitet oder verstärkt durch Entmutigung oder Ermutigung.

Minderwertigkeitsgefühle und Schuldgefühle beschränken unsere Sicht auf unsere Möglichkeiten und verhindern, daß wir werden, wer wir sind. Vertrauen zu sich, zu anderen und zum Leben ermöglichen klares Denken und situationsgerechtes Handeln. Das eine ist das Ergebnis der Entmutigung, das andere der Ermutigung.

Durch Ermutigung bauen wir uns selbst und andere auf und so ist die Ermutigung die Grundlage für alle Erziehungs-, Wachstums- bzw. Lern-Prozesse und jede konstruktive Zusammenarbeit mit Erwachsenen und Kindern.

Ermutigung entspringt einer inneren Haltung, die geübt und erlernt werden kann. Sie hat mit der grundsätzlichen Sicht zu tun, mit der das Leben und die damit verbundenen Umstände betrachtet werden. Was damit gemeint ist, wird deutlich, wenn wir eine alte christliche Geschichte betrachten, die u.a. auch Maria Montessori in ihren pädagogischen Schriften erwähnte:

    Christus kam eines Tages mit einigen seiner Jünger an einem toten, verwesenden Hund vorbei. Einer seiner Jünger rümpfte empört die Nase und schimpfte über den abscheulichen Gestank. Auch ein anderer erregte sich über den ekelerregenden Anblick. Während jeder etwas Negatives über die Widerwärtigkeit äußerte, sprach der Erlöser ruhig, den Blick klar auf das Positive gerichtet, dazwischen: >Seht nur die Zähne des Hundes an, wie wunderbar strahlend weiß sie sind!<

In dieser Geschichte spiegelt sich die Grundeinstellung zur Ermutigung wider. Es ist von entscheidender Bedeutung, ob wir den Focus innerlich bei uns selbst und äußerlich bei anderen auf die Schwächen und Fehler richten oder uns an Stärken und Ressourcen orientieren. Es hängt davon an, wie sehr wir es schaffen, weniger auf das Negative und mehr auf das Positive zu schauen. Dann würden wir sowohl bei uns selbst als auch bei anderen, das verstärkt sehen, worin wir uns auszeichnen, das, was wir schon haben und können und nicht nur immer das, worin wir versagen und noch im Defizit sind.


Ausführlichere Infos können Sie neben der Literatur (siehe unten) auch im Netz auf der Homepage des Individualpsychologischen Beraters Klaus Moor (www.mut-tut-gut.de) nachlesen, klicken Sie zu dessen ausgezeichneter, dort eingestellter Broschüre hier >>>

 

Außerdem: Mehr zu diesem wichtigen Thema, wie z.B. Seminare und gute Buchtipps (empfehlenswerter Klassiker:“Mut tut gut”, ISBN 3-932708-06-7, u.v.a.m. von Theo Schoenaker) finden Sie auf den Seiten des Rudolf-Dreikurs-Institutes, Klicken Sie dazu hier >>> (www.adler-dreikurs.de)


Auszug aus dem Buch von Theo Schoenaker MUT TUT GUT, dem Handbuch zum Encouraging-Training:
“Wenn ich Dich anschaue, berühre, ein gutes Wort der Anerkennung sage, Dich sein lasse, wie Du bist, oder Dich anlächle, und Du fühlst Dich dadurch besser, dann war das, was ich tat, eine Ermutigung für Dich. Ermutigung bewirkt eine Änderung in der inneren Haltung dessen, der ermutigt wird. Ermutigung erhöht das Gefühl der Selbstachtung, stärkt den Glauben an die eigenen Fähigkeiten und führt zu dem Schluß: Ich weiß, ich bin okay! So, wie ich bin, bin ich gut genug - und zu der Überzeugung: Ich kann!
Mit Mut sind wir immer kreativ genug, um unsere Aufgaben im Leben zu lösen und sinnvolle Kontakte zu anderen Menschen zu pflegen...”

 

Zum Abschluß noch eine “Aufforderung zum Leben” (leicht geändert) aus dem Schlußkapitel des empfehlenswerten Buches “Auch Du kannst mehr aus Deinem Leben machen.” von Dr. Rolf Merkle (PAL-Verlag; ISBN 3-923614-16-0)

Habe den Mut...

Auch wenn die Menschen unvernünftig und selbstbezogen sind, habe den Mut, sie trotzdem zu lieben.

Wenn Du Erfolg hast, dann wirst Du falsche Freunde und wahre Feinde gewinnen; habe den Mut trotzdem erfolgreich zu sein.

Ehrlichkeit und Offenheit machen Dich verletzlich; habe den Mut, trotzdem offen und ehrlich zu sein.

Das Gute, das Du heute tust, wird morgen vergessen sein; habe den Mut, trotzdem heute Gutes zu tun.

Wozu Du Jahre benötigst, um es zu erschaffen, kann in wenigen Sekunden zerstört werden; habe den Mut, trotzdem zu erschaffen.

Wenn Du lachst und ausgelassen bist, dann läufst Du Gefahr, als kindisch und albern angesehen zu werden; habe trotzdem den Mut, zu lachen und ausgelassen zu sein.

Wenn Du weinst, dann riskierst Du, als sentimental und überempfindlich angesehen zu werden, habe den Mut, trotzdem zu weinen.

Wenn Du Deine wahren Gefühle zeigst, dann riskierst Du, dafür abgelehnt zu werden, habe trotzdem den Mut, Du selbst zu sein.

Wenn Du anderen verzeihst, dann riskierst Du, als schwach angesehen zu werden; habe trotzdem den Mut, anderen zu verzeihen.

Wenn Du anderen vertraust, dann riskierst Du, als naiv angesehen zu werden; habe trotzdem den Mut, anderen zu vertrauen.

Habe den Mut, mutig zu sein! Wenn Du nichts riskierst, dann gehst Du das größte Risiko von allen ein: Du riskierst zu sterben, ohne je richtig gelebt zu haben. Habe deshalb den Mut, etwas zu riskieren!!!

All dies zum Wohle des Ganzen! © Gerd Müller, Bonn, www.impuls4you.de & www.gm-b.info / Feedback + oder - ausdrücklich erwünscht.