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Gedichte/Gedanken

Gedichte und Gedanken inspirierter Menschen können gut dazu dienen, nach innen zu gehen und uns mit WESENTLICHEM zu beschäftigen. Hier meine persönliche Auswahl an Lieblingsgedichten (Bewußtseins-und Besinnungs-Impulse!).

Von Johann Wolfang von Goethe >>>
Von
Hermann Hesse >>>
Von
Christian Morgenstern >>>
Von
Manfred Kyber >>>
Von
Friedrich Nietsche >>>
Von
Günter Kunert >>>
Von
Dietrich Bonhoeffer >>>
Von
Herrmann Claudius >>>
Von
Josef von Eichendorff >>>
Von
Rainer Maria Rilke >>>
Von
Novalis >>>

  • Von Johann Wolgang von Goethe:

ICH BIN DU

Dieses Baumes Blatt, der vom Osten
Meinem Garten  anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie´s den Wissenden  erbaut.

Ist es EIN lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst  getrennt,
Sind es zwei die sich erlesen,
Dass man sie als EINES kennt.

Solche Frage zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten  Sinn,
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Dass ich EINS und doppelt  bin.

Freudig war, vor vielen Jahren,
Eifrig so der Geist bestrebt,
Zu erforschen, zu erfahren;
Wie Natur im Schaffen lebt.
Und es ist das ewig Eine;
Das sich vielfach offenbart;
Klein das Große, groß das Kleine,
Alles nach der eignen Art.
Immer wechselnd, fest sich haltend;
Nah und fern und fern und nah;
So gestaltend, umgestaltend -
Zum Erstaunen bin ich da
.

Geheimnisvoll am lichten Tag
Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben,
Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag,
Das zwingst du ihr nicht ab
Mit Hebeln und mit Schrauben.
----------------------------------------------------
Was du ererbt von deinen Vätern hast,
erwirb es, um es zu besitzen.
Was man nicht nützt, ist eine schwere Last,
nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.

(beides aus Faust I, Nacht, 2. Faustmonolog)

Den Himmel über mir, und unter mir die Wellen.
Ein schöner Traum, indessen sie entweicht.
Ach! zu des Geistes Flügeln wird so leicht
Kein körperlicher Flügel sich gesellen.
Doch ist es jedem eingeboren,
Daß sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,
Wenn über uns, im blauen Raum verloren,
Ihr schmetternd Lied die Lerche singt;
Wenn über schroffen Fichtenhöhen
Der Adler ausgebreitet schwebt,
Und über Flächen, über Seen
Der Kranich nach der Heimat strebt.

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
die Sonne könnt es nie erblicken;
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
wie könnt uns Göttliches entzücken?

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
Die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust,
Sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen.

Sag es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend´ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet...
Und solang´ du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

(aus Diwan, Buch des Sängers: Selige Sehnsucht, 1819)

Denn alle Kraft drängt vorwärts in die Weite,
Zu leben und zu wirken hier und dort;
Dagegen engt und hemmt von jeder Seite
Der Strom der Welt und reißt uns mit sich fort.
In diesem innern Sturm und äüßern Streite
Vernimmt der Geist ein schwer verstanden Wort:
Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet.

Nicht das macht frei,
daß wir nichts über uns anerkennen wollen,
sondern eben,
daß wir etwas verehren, das über uns ist.
Denn indem wir es verehren,
heben wir uns zu ihm hinauf
und legen an den Tag,
daß wir selber das Höhere in uns tragen
und wert sind, seinesgleichen zu sein.

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wirds Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ists getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

Gerettet ist das edle Glied
Der Geisterwelt vom Bösen:
“Wer immer strebend sich bemüht,
den können wir erlösen.”
Und hat an ihm die Liebe gar,
Von oben teilgenommen,
Begegnet ihm die selige Schar
Mit herzlichem Willkommen.

(aus Faust II, 5. Akt, Engel)

Und Freud und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd, o Sonne,
O Glück, o Lust,

O Lieb, o Liebe,
so golden schön
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn,

Du segnest herrlich
Das frische Feld -
Im Blütendampfe
Die volle Welt!

Wenn im Unendlichen dasselbe
Sich wiederholend ewig fließt,
Das tausendfältige Gewölbe
Sich kräftig ineinander schließt,
Strömt Lebenslust aus allen Dingen,
Dem kleinsten wie dem größten Stern,
Und alles Drängen, alles Ringen
Ist ewige Ruh in Gott dem Herrn.

Ach, was soll der Mensch verlangen?
Ist es besser, ruhig bleiben?
Klammernd fest sich anzuhangen?
Ist es besser, sich zu treiben?
Soll er sich ein Häuschen bauen?
Soll er unter Zelten leben?
Soll er auf die Felsen trauen?
Selbst die festen Felsen beben.

Eines schickt sich nicht für alle.
Sehe jeder, wie er´s treibe,
Sehe jeder, wo er bleibe,
Und wer steht, daß er nicht falle!

Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
Die wir kennen.

Heil den unbekannten
Höhern Wesen,
Die wir ahnen!
Ihnen gleiche der Mensch!
Sein Beispiel lehr uns
Jene glauben.

Nach ewigen, ehernen,
Großen Gesetzen
Müssen wir alle
Unseres Daseins
Kreise vollenden.

Im Namen dessen, der Sich selbst erschuf!
Von Ewigkeit in schaffendem Beruf;
In seinem Namen, der den Glauben schafft,
Vertrauen, Liebe, Tätigkeit und Kraft;
In jenes Namen, der, so oft genannt,
Dem Wesen nach blieb immer unbekannt:

So weit das Ohr, so weit das Auge reicht,
Du findest nur Bekanntes, das Ihm gleicht,
Und deines Geistes höchster Feuerpflug
Hat schon am Gleichnis, hat am Bild genug;
Es zieht dich an, es reißt dich heiter fort,
Und wo du wandelst, schmückt sich Weg und Ort;
Du zählst nicht mehr, berechnest keine Zeit,
Und jeder Schritt ist Unermeßlichkeit.

Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem anderen wirkt und lebt!
Wie Himmelskräfte auf und nieder steigen
Und sich die goldnen Eimer reichen!
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einziehen, sich ihrer entladen;
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich preßt,
und dank ihm, wenn er dich wieder entläßt.

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

Manchmal sieht unser Schicksal aus
wie eine Fruchtbaum im Winter.
Wer sollte bei dem traurigen Ansehn desselben
wohl denken, dass diese starren Äste,
diese zackigen Zweige im nächsten Frühjahr
wieder grünen, blühen,
sodann Früchte tragen können.

Es kann wohl sein, daß der Mensch
durch öffentliches und häusliches Geschick
zuzeiten gräßlich gedroschen wird;
allein das rücksichtslose Schicksal,
wenn es die reichen Garben trifft,
zerknittert nur das Stroh,
die Körner aber spüren nichts davon
und springen lustig auf der Tenne hin und wider,
unbekümmert, ob sie zur Mühle,
ob sie zum Saatfeld wandern.

EINS UND ALLES

Im Grenzenlosen sich zu finden,
Wird gern der einzelne verschwinden,
Da löst sich aller Überdruß;
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,
Statt läst´gem Fordern, strengem Sollen,
Sich aufzugeben ist Genuß.

Weltseele, komm, uns zu durchdringen!
Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen
Wird unsrer Kräfte Hochberuf.
Teilnehmend führen gute Geister,
Gelinde leitend, höchste Meister,
Zu dem, der alles schafft und schuf.

Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich´s nicht zum Starren waffne,
Wirkt ewiges, lebendiges Tun.
Und was nicht war, nun will es werden
Zu reinen Sonnen, farbigen Erden;
In keinem Falle darf es ruhn.

Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht´s Momente still.
Das Ewige regt sich fort in allem:
Denn alles muß in Nichts zerfallen;
Wenn es im Sein beharren will.

  • Von Hermann Hesse:

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und hilft zu leben.

Wie sollten heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegen senden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Glück

Solange du nach dem Glücke jagst,
Bist du nicht reif zum Glücklichsein,
Und wäre alles Liebste dein.

Solange du um Verlorenes klagst
Und Ziele hast und rastlos bist,
Weißt du noch nicht, was Friede ist.

Erst wenn du jedem Wunsch entsagst,
Nicht Ziel mehr noch Begehren kennst,
Das Glück nicht mehr mit Namen nennst,

Dann reicht dir des Geschehens Flut
Nicht mehr ans Herz, und deine Seele ruht.

Beim Schlafengehen

Nun hat der Tag mich müd gemacht,
Soll mein sehnliches Verlangen
Freundlich die gestirnte Nacht
Wie ein müdes Kind empfangen.

Hände laßt von allem Tun,
Stirn vergiß du alles Denken,
Alle meine Sinne nun
Wollen sich in Schlummer senken.

Und die Seele unbewacht
Will in freien Flügen schweben,
Um im Zauberkreis der Nacht
Tief und tausendfach zu leben.

Weg nach Innen

Wer den Weg nach innen fand,
Wer in glühndem Sichversenken
Je der Weisheit Kern geahnt,
Daß sein Sinn sich Gott und Welt
Nur als Bild und Gleichnis wähle:
Ihm wird jedes Tun und Denken
Zwiegespräch mit seiner eignen Seele,
Welche Welt und Gott enthält.

Das Glasperlenspiel

Musik des Weltalls und Musiker der Meister
Sind wir bereit in Ehrfurcht anzuhören,
zu reiner Feier die verehrten Geister
Begnadeter Zeiten zu beschwören.

Wir lassen vom Geheimnis uns erheben
Der magischen Formelschrift, in deren Bann
Das Uferlose, Stürmende, das Leben
Zu klaren Gleichnissen gerann.

Sternbildern gleich ertönen sie kristallen,
In ihrem Dienst ward unserm Leben Sinn,
Und keiner kann aus ihren Kreisen fallen
Als nach der heiligen Mitte hin.

Junger Novize im Zen-Kloster

Ist auch alles Trug und Wahn
Und die Wahrheit stehts unnennbar,
Dennoch blickt der Berg mich an
Zackig und genau erkennbar.

Hirsch und Rabe, rote Rose,
Meeresblau und bunte Welt:
Sammle dich - und sie zerfällt
Ins Gestalt- und Namenlose.

Sammle dich und kehre ein,
Lerne schauen, lerne lesen!
Sammle dich - und Welt wird Schein.
Sammle dich - und Schein wird Wesen.

Vergänglichkeit

Vom Baum des Lebens fällt
Mir Blatt um Blatt,
O taumelbunte Welt,
Wie machst du satt,
Wie machst du satt und müd,
Wie machst du trunken!
Was heut noch glüht,
Ist bald versunken.
Bald klirrt der Wind
Über mein braunes Grab,
Über das kleine Kind
Beugt sich die Mutter herab.
Ihre Augen will ich wiedersehn,
Ihr Blick ist mein Stern,
Alles andre mag gehn und verwehn,
Alles stirbt, alles stirbt gern.
Nur die ewige Mutter bleibt,
Von der wir kamen,
Ihr spielender Finger schreibt
In die flüchtige Luft unsre Namen.

Das Leben, das ich selbst gewählt

Ehe ich in dieses Erdenleben kam,
ward mir gezeigt, wie ich es leben würde:
Da war die Kümmernis, da war der Gram,
da war das Elend und die Leidensbürde.
Da war das Laster, das mich packen sollte,
da war der Irrtum, der gefangen nahm,
da war der schnelle Zorn, in dem ich grollte,
da waren Haß und Hochmut, Stolz und Scham.

Doch da waren auch die Freuden jener Tage,
die voller Licht und schöner Träume sind,
wo Klage nicht mehr ist und nicht mehr Plage
und überall der Quell der Gaben rinnt.
Wo Liebe dem, der noch im Erdenkleid gebunden,
die Seligkeit des Losgelösten schenkt,
wo sich der Mensch der Menschenpein entwunden
als Auserwählter hoher Geister denkt.

Mit war gezeigt das Schlechte und das Gute,
mir ward gezeigt die Fülle meiner Mängel.
Mir ward gezeigt die Wunde, draus ich blute,
mir ward gezeigt die Helfertat der Engel.
Und als ich so mein künftig Leben schaute,
da hört´ ein Wesen ich die Frage tun,
ob ich dies zu leben mich getraute,
denn der Entscheidung Stunde schlüge nun.

Und ich ermaß noch einmal alles Schlimme -
“Dies ist das Leben, das ich leben will!”
gab ich zur Antwort mit entschloss´ner Stimme
und nahm auf mich mein neues Schicksal still.
So ward ich geboren in diese Welt,
so war´s, als ich ins neue Leben trat.
Ich klage nicht, wenn´s oft mir nicht gefällt,
denn ungeboren hab´ ich es bejaht.

  • Von Christian Morgenstern:

Wer vom Ziel nicht weiß,
kann den Weg nicht haben,
wird im selben Kreis
all sein Leben traben;
kommt am Ende hin,
wo er hergerückt,
hat der Menge Sinn
nur noch mehr zerstückt.

Wer vom Ziel nichts kennt,
kann´s doch heut erfahren;
wenn es ihn nur brennt
nach dem Göttlich-Wahren;
wenn in Eitelkeit
er nicht ganz versunken
und vom Wein der Zeit
nicht bis oben trunken.

Denn zu fragen ist
nach stillen Dingen,
und zu wagen ist,
will man Licht erringen;
wer nicht suchen kann,
wie nur je ein Freier,
bleibt im Trugesbann
siebenfacher Schleier.

Der Wissende

Wer einmal frei
vom großen Wahn
ins leere Aug
der Sphinx geblickt,
vergißt den Ernst
des Irdischen
aus Überernst
und lächelt nur.

Ein Spiel bedünkt
ihn nun die Welt,
ein Spiel er selbst
und all sein tun.
Wohl läßt ers nicht
und spielt es fort
und treibt es zart
und klug und kühn -
doch lüftet ihr
die Maske ihm:
er blickt euch an
und lächelt nur.

Wer einmal frei
vom großen Wahn
ins leere Aug
der Sphinx geblickt,
verachtet stumm
der Erde Weh,
der Erde Lust,
und lächelt nur.

Karfreitagmorgen

Heute will ein alter Mensch
wiederum zu Grabe sterben,
und der neue soll von ihm
nichts als nur den Willen erben,
nach dem endlichen Gelingen
immer tiefer hinzudringen.

Hilf zu solchem Ziel auch Du
mit dem eignen Stirb und Werde!
Laß uns einig unsre Erde
läutern, edlerm Stoffe zu!
Laß uns, liebes Lebensmein,
einer Sehnsucht Flügel sein!

  • Von Manfred Kyber:

Zwischen den Zeilen des Lebens (1918)

Nicht die Dinge die kommen und eilen,
die Lust und Leid deiner Seele teilen,
sind deines Lebens wahrer Kern.
Er ruht ungreifbar - sinnenfern -
zwischen des Lebens Zeilen.
Tausend Gefahren, die dich umlauert
und die du nie gesehn,
zwischen den Zeilen stehn.
Verlornes, um das du nie getrauert,

Freuden und Leiden, eng verbunden,
die niemals den Weg zu dir gefunden.
Was könnte sein - was wäre gewesen -
steht zwischen den Zeilen des Lebens zu lesen.
In die Zukunft, in ferne Weiten
spinnen sich tausend Möglichkeiten.
Alles ist sinnvoll, nichts war vergebens,
alles ist ineinander gewebt.
Das wahre Leben lebt
zwischen den Zeilen des Lebens.

Genius Astri (1917)

Durch die Kette deiner Leben
erdennah und erdenfern -
immer segnend dir zu Häupten
hält dein Engel deinen Stern.

Geh in Grauen, Not und Schande,
wandre aller Hoffnung bar,
auch im allertiefsten Dunkel
flammt des Licht, das ewig war.

Unter Dornen, unter Rosen,
unbeirrt seit Urbeginn
leuchtet über deiner Seele
das urewige >Ich bin<.

Jede Nacht kannst du es schauen,
neu zu jedem neuen Tag
rührt dich reinigend und sühnend
deines Engels Schwingenschlag.

Und begreift die Todesstunde
deines Wesens wahren Kern -
heimwärts in die ewige Heimat
trägt dein Engel deinen Stern.

Der Wächter der Lampe (1918)

Wachsein ist alles. Es kommt die Nacht
und keiner wird keinen erkennen.
Haltet Wacht
und laßt die Lampen brennen.
Alles Werden ist wankend und ungewiß,
aber alles Ziel ist Reife.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis,
auf daß sie es einst begreife.

Befreiung (1918)

Den Schmerz bezwinge,
der um Formen trauert,
gedenke dessen,
was ewig dauert.
Der Glockengießer,
der sein Werk vollbringt;
zerstört die Form -
und seine Glocke klingt.
So auch zerstört
mit seinem Schwingenschlag
der Tod die Form,
auf das die Seele tönen mag.

Meditation (1915)

Wer mit den Augen
der Andacht geschaut,
wie die Seele der Erde
Kristalle baut,
wer die Flamme
im keimenden Kern gesehn,
im Leben den Tod,
Geburt im Vergehen --
wer in Menschen und Tieren
den Bruder fand
und im Bruder den Bruder
und Gott erkannt,
der feiert am Tische
des heiligen Gral
Mit dem Heiland der Liebe
das Abendmahl --
er sucht und findet,
wie Gott es verhieß,
den Weg
ins verlorene Paradies.

Vox Humana (1918)

Nieder stieg ich zu vergessen,
was ich einst im Licht besaß
und doch nie bewußt besessen,
weil ich es noch nie vergaß.

Durch Vergeß´nes muß ich dringen,
selber muß ich, geistgeweiht,
in Erinnerung erringen
meines Wesens Wesenheit.

Graben muß ich Grabeshügel;
sterben lassen, was erstarb,
bis der Freiheit Flammenflügel
sich mein eignes Ich erwarb.

Bis die Worte in mir reden,
die ich unbewußt gewußt,
bis in mir der Garten Eden
mein wird in der eignen Brust.

Rosenkreuz (1918)

Wenn du den Weg der Wege,
Wandrer, zu wandern gewillt -
ein Kreuz mit sieben Rosen
ist deiner Wanderung Bild.

Dein Kreuz, an das du geheftet,
muß mit dir verbrennen, verglühn,
bis aus der Asche des Kreuzes
deine sieben Rosen blühn.

Ewigkeit (1918)

Immer wieder und wieder
steigst du hernieder
in der Erde wechselnden Schoß,
bis du gelernt im Licht zu lesen,
daß Leben und Sterben eins gewesen
und alle Zeiten zeitenlos.
Bis sich die mühsame Kette der Dinge
zum immer ruhenden Ringe
in dir sich reiht -
in deinem Willen ist Weltenwille,
Stille ist in dir - Stille -
und Ewigkeit.

Ad Astra (1918)

Nimm mich auf in deine Einheit,
aller Leben einiges All,
bade rein mich in der Reinheit
deines Meeres von Kristall.

Gib mir jenen Trank zu trinken,
der Vergessenheit verleiht,
laß die Seele sehnend sinken
in den Ring der Ewigkeit -

wo in diamantnen Fernen
Stern um Stern im Äther kreist.
Sternenengel, zu den Sternen
leite meinen ewigen Geist.

  • Von Friedrich Nietsche:

Ecco homo1

Ja, ich weiß, woher ich stamme!
Ungesättigt gleich der Flamme
glühe und verzehr ich mich.
Licht wird alles, was ich fasse,
Kohle alles, was ich lasse:
Flamme bin ich sicherlich!

1 aus der lat. Bibel Joh.18,5: “Seht, welch ein Mensch!

Pinie und Blitz

Hoch wuchs ich über Mensch und Tier;
Und sprech ich - niemand spricht mit mir.

Zu einsam wuchs ich und zu hoch -
Ich warte - worauf wart ich doch?

Zu nah ist mir der Wolken Sitz -
Ich warte auf den ersten Blitz.

  • Von Günter Kunert:

Wie ich ein Fisch wurde

Am 27.Mai um drei Uhr hoben sich aus ihren Betten
die Flüsse der Erde, und sie breiteten sich aus
über das belebte Land. Um sich zu retten,
liefen oder fuhren die Bewohner zu den Bergen raus.

Als nachdem die Flüsse furchtbar aufgestanden,
schoben sich die Ozeane donnernd übern Strand,
und sie schluckten alles das, was noch vorhanden,
ohne Unterschied, und das war allerhand.

Eine Weile konnten wir noch auf dem Wasser schwimmen,
doch dann sackte einer nach dem andern ab.
Manche sangen noch ein Lied, und ihre schrillen Stimmen
folgten den Ertrinkenden ins nasse Grab.

Kurz bevor die letzten Kräfte mich verließen,
fiel mir ein, was man mich einst gelehrt:
Nur wer sich verändert, den wird nicht verdrießen
die Veränderung, die seine Welt erfährt.

Leben heißt: sich ohne Ende wandeln.
Wer am Alten hängt, der wird nicht alt.
So entschloß ich mich, sofort zu handeln,
und das Wasser schien mir nicht mehr kalt.

Meine Arme dehnten sich zu breiten Flossen,
grüne Schuppen wuchsen auf mir voller Hast;
als das Wasser mir auch noch den Mund verschlossen,
war dem neuen Element ich angepaßt.

Lasse mich durch dunkle Tiefen träge gleiten,
und ich spüre nichts von Wellen oder Wind,
aber fürchte jetzt die Trockenheiten,
und daß einst das Wasser wiederum verrinnt.

Denn aufs neue wieder Mensch zu werden,
wenn man´s lange Zeit nicht mehr gewesen ist,
das ist schwer für unsereins auf Erden,
weil das Menschsein sich zu leicht vergißt.

  • Von Dietrich Bonhoeffer:

Neujahrsgruß

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das Alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last;
ach Herr, gib unsern aufgescheuchten Seelen
das Heil, für das du uns bereitet hast.

Lass warm uns still die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille tief nun um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost was kommen mag.
Gott ist mir uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

  • Von Herrmann Claudius:

Ich will und muß dem einen Gott vertrauen,
Der sich so tief in uns verborgen hält,
Als wäre diese Welt nicht Seine Welt.
Ich will und muß auf Seine Weisheit bauen,
Die sich mit unserer so sehr entzweit,
Als wäre Seine Zeit nie unsere Zeit.
Und ob wir rückwärts, ob wir vorwärts schauen,
Und ob uns Freude schüttelt oder Grauen:
Er war und ist. Und Er wird ewig sein.
Wir aber schreiten durch ihn aus und ein.

  • Von Maria Nels:

Wir gehen nicht mehr, wie die Weisen gingen,
wir hören nicht mehr die Steine singen.
Wir sind den Sternen zu nahe gekommen,
wir haben der Sphinx den Schleier genommen.
Wir sind zu klug und groß zum Staunen,
wir hören nicht mehr der Winde Raunen.
Wir sind in den weiten Räumen auf Reisen
und finden nicht mehr den Stern der Weisen.

  • Von Josef von Eichendorff:

Mondnacht

Es war, als hätt´ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt´.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

  • Von Rainer Maria Rilke:

So bin ich nur als Kind erwacht,
so sicher im Vertrauen,
nach jeder Angst und jeder Nacht
dich wieder anzuschauen.

Ich weiß, so oft mein Denken mißt,
wie tief, wie lang, wie weit -:
du aber bist und bist und bist,
umzittert von der Zeit.

Mir ist, als wär ich jetzt zugleich
Kind, Knab und Mann und mehr.
Ich fühle nur, der Ring ist reich
durch seine Wiederkehr.

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

  • Von Novalis:

Ich kenne wo ein festes Schloß
Ein stiller König wohnt darinnen.
Mit einem wunderlichen Troß;
Doch steigt er nie auf seine Zinnen.
Verborgen ist sein Lustgemach
Und unsichtbare Wächter lauschen;
Nur wohlbekannte Quellen rauschen
Zu ihm herab vom bunten Dach.  

Was ihre hellen Augen sahn
In der Gestirne weiten Sälen,
Das sagen sie ihm treulich an
Und können sich nicht satt erzählen.
Er badet sich in ihrer Flut,
Wäscht sauber seine zarten Glieder
Und seine Strahlen blinken wieder
Aus seiner Mutter weißem Blut.  

Sein Schloß ist alt und wunderbar,
Es sank herab aus tiefen Meeren
Stand fest, und steht noch immerdar,
Die Flucht zum Himmel zu verwehren.
Von innen schlingt ein heimlich Band
Sich um des Reiches Untertanen,
Und Wolken wehn wie Siegesfahnen
Herunter von der Felsenwand.  

Ein unermeßliches Geschlecht
Umgibt die festverschlossenen Pforten,
Ein jeder spielt den treuen Knecht
Und ruft den Herrn mit süßen Worten.
Sie fühlen sich durch ihn beglückt,
Und ahnden nicht, daß sie gefangen;
Berauscht von trüglichem Verlangen
Weiß keiner, wo der Schuh ihn drückt.  

Nur wenige sind schlau und wach,
Und dürsten nicht nach seinen Gaben;
Sie trachten unablässig nach,
Das alte Schloß zu untergraben.
Der Heimlichkeit urmächtgen Bann,
Kann nur die Hand der Einsicht lösen;
Gelingts das Innere zu entblößen
So bricht der Tag der Freiheit an.  

Dem Fleiß ist keine Wand zu fest,
Dem Mut kein Abgrund unzugänglich;
Wer sich auf Herz und Hand verläßt
Spürt nach dem König unbedenklich.
Aus seinen Kammern holt er ihn,
Vertreibt die Geister durch die Geister,
Macht sich der wilden Fluten Meister,
Und heißt sie selbst heraus sich ziehn.  

Je mehr er nun zum Vorschein kömmt
Und wild umher sich treibt auf Erden:
Je mehr wird seine Macht gedämmt,
Je mehr die Zahl der Freien werden.
Am Ende wird von Banden los
Das Meer die leere Burg durchdringen
Und trägt auf weichen grünen Schwingen
Zurück uns in der Heimat Schoß.

(Friedrich von Hardenberg in: Heinrich von Ofterdingen)

WIRD FORTGESETZT...

All dies zum Wohle des Ganzen! © Gerd Müller, Bonn, www.impuls4you.de & www.gm-b.info / Feedback + oder - ausdrücklich erwünscht.